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Nachtaktiv

10. Aug 2017
Es geht sicher anders, aber so geht es auch
Wetter
Wechselnd bewölkt mit sonnigen Abschnitten In Boen 17-26 °C

Es geht sicher anders, aber so geht es auch

Hai-HaiDie Penny-Aktionen und die zu erjagenden Stofftiere haben mich nie interessiert. Diesmal war es anders. Mit meiner Liebe zu den Malediven und dem Großphoto an der Wand, das einen Strand daselbst zeigt, wollte ich mir gerne einen Hai als ironische Note an die Decke hängen. Nachbarn und Bekannte halfen mir beim Punktesammeln. Heute ging ich den Hai dann holen – um auf dem Rückweg auf dem Bürgersteig vor einem Briefkasten einen herrenlosen zweiten Hai zu finden. Ich stelle mir vor, daß der aus irgendeinem Kinderwagen gefallen sein muß. [Was mag sich das Kismet mitunter denken? … Grins.]
Jedenfalls habe ich jetzt zwei. In dem sehr ‘erwachsen’ eingerichteten Raum ist das ein Stilbruch sondergleichen, der mir viel Spaß macht.

20. Jun 2017
Gedanken über Kitsch

Gedanken über Kitsch

[Präambel: vor Jahren geschrieben, heute wiedergefunden und denke, er passt in die Geschichtenreihe. Achtung, der ist nicht kurz. :)]

Da war er nun, der Frosch.
In menschenähnlicher Haltung, die künstlerisch überlangen Beine lässig übereinandergeschlagen, ein mokantes Grinsen um das Breitmaul, die Vorderbeine wie Menschenarme verschränkt, saß er auf dem Rand der Küchenfensterbank.
Ich mochte ihn auf Anhieb. Die menschenähnliche Anmutung und die dennoch naturalistische Präzision, in der Schwimmhäute, Vorderfinger, Augen-, und Kopfform dargestellt waren, nahmen mich für ihn ein. Er wirkte wie eine ironische Bemerkung zum menschlichen Leben. Und ironische, ja selbst sarkastische Bemerkungen zum menschlichen Leben kann es einfach nicht genug geben. Damit man es aushalten kann. Das Leben, nicht die ironischen Bemerkungen.

»Wo hast du den denn her?«, fragte ich die Freundin.
»Den«, kam es gedehnt zurück, »den habe ich von einer Freundin, die mir ständig solchen Nippes in die Wohnung schleppt. Ich vermute, sie hält meine Behausung für zu karg und unsinnlich. Und wäre sie nicht mindestens jede Woche einmal bei mir, ich hätte dieses kitschige Vieh längst entsorgt.«
Kitschiges Vieh? Diese hübsche kleine Ironie in Bronze? Auch was das vermutete ‘karg und unsinnlich’ betraf, stimmte ich der Schenkenden im Stillen zu. Doch wagte ich nicht an Ort und Stelle ein glühendes Plädoyer für Bronzefrösche zu halten. Die dunkle Vermutung, daß eine solche Brandrede unser von Hochachtung geprägtes Verhältnis nachhaltig hätte stören können, hieß mich schweigen. Es blieb bei einem halbherzigen »Also mir gefällt der.«

IllustrationWochen später. Ein Besuch bei einer Bekannten, die gerade einen Zeichenkurs erfolgreich abgeschlossen hatte. Über dem Sofa, in einem goldfarbenen, verschnörkelten Plastikrahmen, hing die Bleistiftzeichnung eines Pierrot. Und zwar in der Gestalt, die eine sogenannte Massenkultur ihm geben zu müssen meinte: trauriger Gesichtsausdruck, Träne auf der Wange, weit aufgerissene Augen, Kindchenschemagesicht.
»Guck’ mal«, sagte die I. »Toll, nicht? Meine Abschlußarbeit im Kurs, freihändig gezeichnet.«
Ich strich meine steil aufgerichteten Nackenhaare unauffällig mit fahrigen Händen herunter, und rettete mich in Fragen zum benutzten Material, zum Zeitaufwand und der Bleistifthärte um nicht gezwungen zu sein meinem kalten Grausen unverhüllt und unhöflich Ausdruck zu verleihen. Doch da war auch noch ein anderes Gefühl. Rührung vielleicht? …

Der goldene Plastikbilderrahmen hatte eine ältere Erinnerung angestoßen: Timo und Hartmut, seit mehr als acht Jahren ein Paar, hatten sich schließlich doch entschieden eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Timo, an dem meiner Meinung nach ohnehin ein genialer Innenarchitekt und Raumausstatter verloren gegangen ist, werkelte, malte, klebte, schreinerte wochenlang.

Als die beiden mich zur Besichtigung einluden, war ich hin und weg.
Helle, hohe Räume, mediterraner Stil, schlicht und stimmig. Pastelltöne, helle Hölzer, schöne Stoffe, schlichte Möbel, sparsame, passende Dekoration. So lange man nicht aus dem Fenster auf den Frankfurter Hinterhof schaute, fühlte man sich wie in einem der französischen Landhäuser, die man zum Beispiel in der Bretagne noch findet.
Dann öffnete Timo mit großer Geste die letzte Tür: »Und dies ist unser Boudoir.«
Mir blieb die Spucke weg. Weinrote Seidentapete – oder jedenfalls etwas, das wie Seidentapete aussah – golden gemustert, großformatige Spiegel in goldfarbenen Rahmen, Tischleuchten, die wie wilde Pflanzenranken aussahen, unter der Decke ein Kronleuchter voller Glaskristalle, das Bett ein löwenfüßiges breites Ungetüm, hoher Himmel auf gedrechselten Säulen inklusive, natürlich auch dieses Bett eine Orgie in weinrot und gold.
Das war unglaublich kitschig. Das war phantastisch. Das war wunderschön. Ein Zimmer wie aus einem Mantel- und Degenroman, ein Zimmer wie aus einem Märchen. Bis zum heutigen Tage ist diese die einzige fremde Wohnung, die ich sofort bezogen hätte ohne irgend etwas zu verändern.

Da konnte man schon ins Grübeln kommen. Warum liebte ich das kitschige Boudoir, wo mir doch der Pierrot im Goldrahmen den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte? Wieso fand meine Freundin den Bronzefrosch untragbar, und ich hätte ihn mit Freuden besessen? Stimmigkeit schien eine Rolle zu spielen, persönlicher Geschmack sowieso … oder? Das Thema ließ mich nicht wirklich los.

Dann hatte ich einen Termin in einem Norman-Foster-Haus in Köln. Ein Architekt aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern wollte, daß ich ihm eine Visitenkarte mache, und wir verabredeten uns in seiner Wohnung, bei Wein und Tapas, so gegen acht, nach der Arbeit.
Die Tapas und der Wein waren gut, das Gespräch effektiv und freundlich. Und doch fühlte ich mich unwohl. Der Raum in dem wir auf teuren Designersesseln saßen – man hätte ihn ein Wohnzimmer nennen können – war mir einfach zu abweisend. Die Möbel waren schön, die Wände aber kahl, und der Raum so gar nicht wohnlich. Es fehlte ihm jeder persönliche Charakter.
»Gerade Linien, karge Schlichtheit, null Atmosphäre. Man könnte auch im Showroom eines Möbelhauses sitzen«, dachte ich und fröstelte.
Da fiel mein Blick auf ein Detail: Ausgerechnet auf dem Fuß einer Wagenfeld-Leuchte, die auf dem Sideboard stand, saß eine kleine weißgrundige Porzellankatze. Ein unglaubliches Geschöpf: Katzig in Anmutung und Haltung, aber bemalt mit einem Rankenmuster in blau. Blau!

Der Architekt war meinem Blick gefolgt und lächelte: »Von der kann ich mich einfach nicht trennen. Ich habe sie aus Prag mitgebracht. In der Zeit, in der meine Tochter dort studiert hat.« Und plötzlich war das fast klinisch eingerichtete Zimmer angenehm, von schlichter Schönheit.

Da endlich dämmerte es mir: Kitsch offenbart eine Schwäche, eine Sehnsucht.
Kitsch macht den Wunsch nach Gefühlen, nach Romantik, nach einer heilen Welt offenkundig.
Kitsch macht menschlich.

Und sage bloß niemand ein böses Wort über die Spardose in Gestalt eines dicken, verlegen dreinblickenden Tonelefanten, die seit Jahren auf meiner Fensterbank wohnt.

11. Mai 2017
Was ist der Mensch …
Wetter
Trocken. Zu kalt. Mäßig 4-11 °C

Was ist der Mensch …

Vor allem anderen – wenn man mich fragt – Geschichte und Geschichten. Dieser Idee folgend, werde ich wohl eine Reihe daraus machen.

*****

19 war ich. Der Typ, den man ‘apart’ nennt, weil schön nicht trifft – aber irgendetwas ist da. Dunkelhaarig, schmal, ein kleiner Schatten, herausgeschnitten aus der Nacht, Nachtmensch schon damals. Noch im Elternhaus wohnend, sehnte ich mich nach einem Urlaub ganz allein. Kratzte mein Geld zusammen und fuhr an die Nordsee. Ein Igluzelt auf einem netten Campingplatz, all die Zeit, die ein Tag umfassen kann, nur durch mich bestimmt, ein Meer in der Nähe – mehr brauchte ich nicht.
Kaum Berührung mit anderen Touristen, dafür bald der Kontakt zu den Nachtwesen. Gesucht. Gefunden. Tage am Strand, Nächte im Haus der Strandwache. Belegeschaft: Klaus, Anfang 20, Hallodri reinsten Wassers, nordischer Typ, attraktiv, Rettungsschwimmer, Jäger von one night stands – mit erstaunlicher Erfolgsquote; Jens, Mitte 40, dunkler Typ, attraktiv und sonst in allem anders als Klaus – down to earth, ruhige Ausstrahlung, Schalk im Nacken. Wie ich mir ihren Respekt erwarb – ich weiß es nicht mehr. Doch daß ich ihn hatte, das weiß ich genau. So rund, so selbstverständlich wurde meine nächtliche Anwesenheit im Haus.

Klaus hatte die Schlüssel zum Rettungsanhänger. Ein Wohnanhänger auf dem Strand, ausgestattet mit einer Patientenliege (sic!), und diversem medizinschen Equipment.

Es mag die siebte oder achte Nacht gewesen sein, in der ich mit Jens im Wachhaus Tee trank, es ging so auf zwei Uhr früh. Für eine Sommernacht war diese recht rauhbeinig. Der Wind presste die Tiede auf den Strand und jammerte winselig um das Haus der Strandwache.
Plötzlich flog die Tür auf und krachte gegen die Wand. Auf der Türschwelle: Klaus. In weißem Hemd und Slip, Jeans in der Hand, rotgesichtig, atemlos, die bloßen Füße blutend.
Jens drehte kaum den Kopf »Mach doch de Door to, do Idiot.«
Das geschah. Klaus fiel auf einen Stuhl wie eine Stoffpuppe.
»No?« brummelte Jens.
Die Erzählung, die folgte, war lang und leidlich wirr. Klaus hatte wohl wieder einmal eine seiner amourösen Ambitionen zu nächtlicher Verabredung am Rettungswagen überreden können. Nur war die junge Dame – entgegen ihrer Angaben – minderjährig, und obendrein mit ihrer Mutter auf Urlaub, die irgendwie von der nächtlichen Verabredung Wind bekommen hatte. Und dann wie ein Racheengel in der Tür des Rettungswagens stand, just als es zur Sache gehen sollte. Sie hatte sich wohl den nächsten Gegenstand gegriffen, der in Reichweite war: die Cowboystiefel von Klaus, und damit wie eine Wilde auf seinen Rücken eingeprügelt, unter Absingen wüster Beschimpfungen. Klaus suchte sein Heil in der Flucht, aus naheliegenden Gründen ohne Schuhe.

Wir saßen in der Station, tranken Tee mit mehr oder weniger Rum, lachten über die Geschichte, verarzteten Klaus’ Füße und die Kratzer auf seinem Rücken, hörten den Funk ab, tranken den Rum schließlich pur, und schwankten in der Morgendämmerung in unterschiedliche Richtungen davon.

Klaus hat seine Cowboystiefel nie wiedergesehen.